Festung Europa 1
Das
zunehmende Problem der Umweltflüchtlinge
Seit
einigen Jahren spielen sich an der Südgrenze Europas dramatische
Ereignisse ab, die nur von Zeit zu Zeit durch ein kurzes aufflackern
in den Medien in unseren Gesichtskreis gerückt werden. Meist geschieht
dies nur wenn die
Geschehnisse mal wieder eine unerträgliche Spitze der Unmenschlichkeit
erreicht haben und nicht mehr verschwiegen werden können. An der
Südgrenze der "Festung Europa" versuchen schon seit Jahren, in
einem ununterbrochenen Strom, hunderttausende von "Bootpeople"
in
waghalsigen Aktionen
ein Schlupfloch an der Grenze Europas zu finden. Es geht für
diese Menschen
schlichtweg ums Überleben, da sie in ihren Heimatländern keinerlei
Zukunfts- oder Überlebensperspektive mehr sehen. An die südlichen
Küsten der beliebtesten
Urlaubsländer der
Mittel- und Nordeuropäer - Spanien, die Kanarischen Inseln, Malta und
Italien - werden immer
wieder Bootflüchtlinge lebend, halbtot oder ganz tot in Booten oder von
den Wellen angespült. Was sollen nun die wohlhabenden Länder mit
dieser unkontrollierbaren Flut von Menschen machen? Menschen,
die
ihren Lebensraum verlassen, weil neben der Armut und Korruption, das
negative Einwirken der wohlhabenden Industrieländer (Klimaveränderung,
Wasserknappheit, Umweltgifte, Umweltverschmutzung)
ihre
ökologischen Strukturen schon so weit aus dem Gleichgewicht gebracht
hat, dass diese von der Land- und Viehwirtschaft geprägten Kulturen von
ihrem Land nicht mehr leben können. Im
Folgenden soll ein Überblick der Geschehnnisse rund um das Thema
"Umweltflüchtlinge" vermittelt und bewusst gemacht werden. Um die
zugrunde liegenden
Sachverhalte besser verstehen zu können, vorab eine kleine Einleitung
von
Frank Biermann mit Hintergrundinfos. |
EINLEITUNG Aus
Politik und Zeitgeschichte B
12/2001 Frank Biermann
Umweltflüchtlinge
- Ursachen und
Lösungsansätze
Neben Hunger, Armut, Krieg und
Menschenrechtsverletzungen ist
die Zerstörung der Umwelt zur Ursache von Flucht und Abwanderung
geworden, auch
wenn Umweltflüchtlinge konzeptionell schwer zu fassen bleiben. Denn
niemand
flieht vor der Umwelt, niemand ist Umweltflüchtling per se. Wer flieht,
weil
sein Acker kein Bewirtschaften mehr erlaubt, verlässt eine Heimat, weil
Alternativen zum Lebensunterhalt fehlen, also aus Armut. Wer flieht,
weil aus
ökologischen Problemen gesellschaftliche Brennpunkte wurden, wie in
Ruanda,
flieht letztlich vor Krieg und Gewalt. Oft ist Umweltzerstörung ein
wichtiges
Abwanderungsmotiv neben vielen anderen, selten jedoch nur das einzige.
Der
Leiter des UN-Umweltprogramms, Klaus Töpfer, geht
beispielsweise von 22 bis 24 Millionen Umweltflüchtlingen aus, Norman
Myers
errechnete mindestens 25 Millionen derzeitige Umweltflüchtlinge vor
allem in
Afrika südlich der Sahara, China, Zentralamerika und Südasien. Er
erwartet
insgesamt 50 Millionen
Umweltflüchtlinge bis zum Jahre 2010. Andererseits
erwähnen manche internationalen Dokumente Umweltflüchtlinge mit keinem
Wort,
beispielsweise die 1992 auf dem Erdgipfel in Rio de Janeiro
beschlossene
Erklärung über Umwelt und Entwicklung. Auch die Agenda 21, das in Rio
de
Janeiro beschlossene Aktionsprogramm, nennt Umweltflüchtlinge nur
einmal im
Rahmen ihres Teilprogramms zu Dürre und Desertifikation.
Anfang
der neunziger Jahre schuf der UNHCR zwar einen
Umwelttreuhandfonds und die Stelle eines Umweltkoordinators. Hiermit
sollten
jedoch die ökologischen Folgen von Massenflucht, nicht aber
Umweltzerstörung
als Fluchtursache eingedämmt werden. Eine Reihe von Autoren vermeiden
aus
diesen Gründen grundsätzlich den Begriff des Umweltflüchtlings und
sprechen
stattdessen von Umweltmigranten. Ein Motiv ist dabei die befürchtete
Schwächung
des Status der politischen Flüchtlinge.
Ursachen
Während
das Konzept des Umweltflüchtlings somit verwaschen und
die Datenlage unsicher bleibt, ist wenig zweifelhaft, wie
Umweltzerstörung zum
Motiv für das Abwandern Einzelner oder ganzer
Siedlungsgruppen werden kann. Vier Hauptgründe sind zu nennen:
1.
Deposition
Eine
Fluchtursache ist übermäßige regionale Umweltverschmutzung.
Übersteigt der Schadstoffeintrag in einem Gebiet kritische Grenzwerte,
werden
diese unbewirtschaftbar oder gar unbewohnbar. Die heute weitgehend
verlassene
Umgebung des Kernreaktors im ukrainischen Tschernobyl ist das
bekannteste
Beispiel; es wird geschätzt, dass 130.000 Menschen ihre Heimat aufgrund
des
Reaktorunfalls aufgeben mussten. Aber nicht nur Unfälle mit ziviler
Kernenergie
zwingen Menschen zur Flucht: So verließen 160.000 Menschen die Gegend
um
Semipalatinsk in Kasachstan, die von 1949 bis 1989 durch
Atombombenversuche
verseucht wurde. Weitere Abwanderungsgründe sind beispielsweise Pestizidrückstände
aus industrieller Landwirtschaft, welche ein Land unbewohnbar machen
können.
Rund um den Aralsee führte dies, neben Bodenerosion und Versalzung, zur
Abwanderung von 100.000 Menschen. Eine weitere
Fluchtursache ist die
Schadstoffdeposition durch das Ausbeuten von Bodenschätzen, etwa beim
Uranabbau
im indischen Orissa oder der Ölförderung in Nigeria, wodurch die
Nutzung der
Natur durch Ackerbau, Jagd oder Fischfang verhindert wird. Werden
Alternativen
nicht geboten, muss die lokale Bevölkerung ökologisch bedingt abwandern.
Dieses
Problem betrifft im übrigen nicht nur Entwicklungsländer: Auch die
Menschen in
Love Canal in New York oder Times Beach in Missouri mussten ihre Heimat
aufgrund von Giftmüllablagerungen verlassen.
2. Degradation
Weitaus
mehr Umweltflüchtlinge schafft die schleichende Degradation
der Umwelt, das heißt ihre Veränderung in eine Form, welche die Nutzung
der
Naturschätze für den Menschen vermindert oder verhindert. Ist die Umwelt in
einem Gebiet so weit zerstört, dass die bestehende Wirtschafts- und
Lebensweise
nicht mehr aufrechterhalten werden kann, verbleibt Abwandern oft als die
einzige
Lösung. Historisch verursachte die Veränderung der
natürlichen Umwelt durch den
Menschen mehrfach die Aufgabe von Siedlungsgebieten, sie wird für den
Untergang
vieler geschichtlicher Zivilisationen - etwa der Induskultur in
Lateinamerika -
mit verantwortlich gemacht. Auch heute bleiben der Verlust des Bodens
und
seiner Fruchtbarkeit und der Mangel an Frischwasser wesentliche
Fluchtgründe.
So sind von 1945 bis 1990 aufgrund menschlicher Einwirkungen über
1,2
Milliarden Hektar Land stark bis sehr stark degradiert worden, was in
etwa der
Gesamtfläche Indiens und Chinas entspricht!!!
Drei
Viertel dieser Bodenzerstörung fanden in den
Entwicklungsländern statt, in denen viele Menschen essentiell auf ihr Land als
Erwerbsquelle angewiesen sind. Die großen Dürren von 1968
bis 1973 zwangen
allein in Burkina Faso (Afrika) eine Million Menschen zur Abwanderung.
In Mexiko gelten
über sechzig Prozent des Bodens als degradiert, und jedes Jahr
vernichtet
Bodenerosion dort 260 000 Hektar Acker- und Weideland.
Ein
zweites Problem ist die weltweite Wasserkrise: vierzig
Prozent der Weltbevölkerung sind heute von Wassermangel betroffen.
Andererseits
kann auch zu viel Wasser Fluchtbewegungen und Konflikte zwischen
Umweltflüchtlingen
und den Menschen im Zufluchtsgebiet auslösen. So sind häufige
Überschwemmungen
ein Hauptgrund für die Abwanderung von Bangladeschis ins indische Assam.
3.
Desaster
Eine
weitere Fluchtursache sind vom Menschen verursachte
Naturkatastrophen (Umweltkatastrophen). Teils folgen diese direkt der
Umweltveränderung, wenn Überschwemmungen und Erdrutsche durch
menschliche
Eingriffe in den Naturhaushalt begünstigt und mitverursacht werden.
Gerade in
Entwicklungsländern sind Flucht und Abwanderung oft die Folge (der
einzigste
Ausweg zu überleben). Die Tendenz ist dabei steigend. So
zeigt eine
statistischen Auswertung aller Naturkatastrophen von 1976 bis 1994,
dass die
Zahl der Menschen, die durch solche Katastrophen ihre Heimat verlassen
müssen,
stark anstieg, besonders in Asien. Allein in Indien sind jedes Jahr
durchschnittlich 15 Millionen Menschen von Naturkatastrophen betroffen;
davon
werden im Schnitt etwa 2,5 Millionen obdachlos, und vier Millionen
müssen ihre
Heimat auf der Suche nach Schutz und Nahrung verlassen. Auch manche
Gegenmaßnahmen zwingen Menschen zur Flucht. So wird geschätzt, dass
zwischen
1949 bis 1992 in China über zehn Millionen Menschen wegen Dammbauten
umgesiedelt
werden mussten, die zum Teil auch dem Hochwasserschutz dienen sollen.
Der gigantische
Drei-Schluchten-Damm in China wird voraussichtlich weitere 1,3
Millionen
Menschen zur Aufgabe ihrer Siedlungen zwingen.
Globale Veränderungen der Umwelt,
insbesondere der sich
ankündigende Klimawandel, drohen diesen lokalen Desastern globale
Umweltkatastrophen
hinzuzufügen: Ein ansteigender Meeresspiegel, Änderungen des
Regionalklimas,
Verschiebungen von Vegetationszonen, all dies kann neue
Fluchtbewegungen
auslösen, deren Ausmaß alles Bekannte überträfe. Knapp
zwei Drittel der
Menschheit leben nur höchstens einhundert Kilometer von einer Küste
entfernt,
und dreißig der fünfzig größten Städte der Welt liegen am Meer. Allein
in
Indien würde ein Meeresspiegelanstieg von einem Meter sieben Millionen
Menschen
gefährden. Für die armen und hochgradig verwundbaren Länder Süd- und
Südostasiens wären Änderungen des Monsunzyklus durch
den Klimawandel eine ökologische und soziale Katastrophe. Für die
weltweiten
Schäden des beginnenden Klimawandels schätzte Norman Myers, dass
hierdurch etwa
200 Millionen Menschen zur Aufgabe ihrer Siedlungsgebiete gezwungen
werden.
Eine seiner Ansicht nach noch gemäßigte Schatzung, da heute schon 135
Millionen
Menschen von schweren Formen der Versteppung und Wüstenausdehnungen
bedroht
sind.
4.
Destabilisierung
Verbunden mit den drei genannten
Fluchtursachen ist eine
umfassende Destabilisierung des sozialen Gefüges. Bei
einer Reihe jüngster
Kriege, so im Tuaregkonflikt im westafrikanischen Sahel oder beim
Zapatistenaufstand in Mexiko, spielte die Zerstörung der Umwelt und der
Kampf
um Lebensraum eine wesentliche Rolle. Die Menschen, die vor diesen
Auseinandersetzungen
fliehen, sind deshalb auch als Umweltflüchtlinge zu verstehen. Selbst
international
destabilisierende Folgen werden heute in Betracht gezogen.
Will
man manchen Katastrophen-Autoren folgen, wird dieser Typus
des Flüchtlings häufiger auftreten: Christopher Stone beispielsweise
warnt vor
den Folgen des Klimawandels, dass
man kaum die künftigen Spannungen an den
Grenzen und die Verwerfungen der sozialen Ordnung ahnen kann, die
entstehen
könnten, wenn die Umweltveränderung das Nahrungs- und Wasserangebot
einschränkt, die bewirtschaftbaren Zonen sich verschieben und die
traditionellen Bevölkerungszentren durch den steigenden Meeresspiegel
bedroht
werden. Im Altertum, so fährt Stone fort, führte schwerer
und dauerhafter
Klimawandel zur massenhaften Abwanderung und Aufgabe ganzer Städte. Heute ist
jedoch die Bevölkerungsdichte größer, und die Migranten müssten
politische
Grenzen überschreiten und kulturelle Spannungen verschärfen - mit all
den
negativen Brüchen, die solche Konflikte heraufbeschwören könnten.
Noch
düstere Szenarien bietet Robert D. Kaplan in
einem viel zitierten, apokalyptischen Essay „The
Coming Anarchy“ (Die kommende Anarchie) oder Manfred Wählcke, der das
künftige Scheitern der internationalen Umweltpolitik als Gewissheit
nimmt und
selbst militärische Prävention innerhalb der NATO vorbereitet sehen
will. Trotz
dieser Szenarien ist nicht absehbar, ob und wann der
ökologischen Degradation
die soziale Destabilisierung mit der Folge von Umweltkriegen folgt.
Es gibt
zwar inzwischen eine umfangreiche sozialwissenschaftliche Literatur, in
der
beispielsweise nach der Wahrscheinlichkeit von Kriegen um Wasser
gefragt und in einer Vielzahl empirischer
Fallstudien gegenwärtige durch Umweltdegradation (Umweltveränderung)
mitbedingte Konflikte analysiert werden. Einhellige Ergebnisse liegen
indes
nicht vor.
Dies
war der Stand im Jahre 2001. Wie schnell uns diese
Zukunftsprognosen heute (2007) z.T. schon eingeholt haben und aktuelles
Thema in den Medien geworden sind, soll uns dieser kleine Diskurs zum
Thema zeigen.Tausende von "Bootflüchtlinge" aus Afrika setzen
jährlich ihr Leben auf's
Spiel, um dem Elend in ihrer Heimat zu entliehen und in die Festung
Europa einzudringen, um sich selbst und der daheimgebliebenen Familie
ein Überleben zu sichern. Weltweit sind bereits rund zwei
Milliarden Hektar Ackerland und Weideflächen unterschiedlich stark
degradiert. Das
sind 15 Prozent der Böden weltweit - es entspricht einem Gebiet von der
Größe
der Vereinigten Staaten und Mexikos zusammen. Neun Millionen Hektar
davon sind
irreparabel zerstört und damit endgültig verloren. Weltweit werden im
Jahr rund
fünf bis sieben Millionen Hektar Boden, der für Ackerbau oder Weide
nutzbar
war, vernichtet; dies entspricht der Fläche Irlands. Weitere 30
Millionen
Quadratkilometer sind akut von der Verwüstung bedroht. Jedes Jahr wächst die Wüste erdweit um eine Fläche, die der Größe West-Deutschlands entspricht. 25 Milliarden
Tonnen
wertvoller Bodenkrume gehen jedes Jahr für immer verloren. Alleine in den USA werden jährlich 1,2
Millionen Hektar Land - meist Ackerland oder Waldgebiete - für
Autobahnen, Industrieanlagen, Einkaufszentren und Baugrundstücke
zubetoniert oder versiegelt. Folge: Der Boden kann kein Wasser mehr aufnehmen, so dass der Grundwasserspiegel jedes
Jahr um ca. 45 cm sinkt, in manchen Gegenden um bis zu 2,70 Meter. Die
Degradierung
führt jährlich zu Einkommensverlusten in Höhe von 42 Milliarden Dollar.
Allein
im Sahel gehen seit der großen Dürre von 1972/73 jedes Jahr etwa 1,5
Millionen
Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche verloren.
Auf
der oben dargestellten Karte sehen sie ausschließlich die reinen
Wüstengebiete der Erde, in denen es keinerlei Überlebensräume für
größere Menschengruppen gibt. An diese reinen Wüsten schließen sich die
gefährdeten Übergangazonen (z.B Sahelzone Afrika) an, in
welche hinein sich
die
Wüsten heute rasant ausdehnen. Das an die Übergangszonen anschließende
Kulturland geht durch die Klimaveränderung, Wassermangel und falsche
Bodenbewirtschaftung zusätzlich in die Versteppung über. Wenn wir dann
noch die Hochgebirgsregionen des Himalaya, der Alpen, der Anden und der
Rocky Mountains von der Gesamtfläche des uns zur Verfügung stehenden
Bodens abziehen, bleibt uns nicht viel Lebensraum und
landwirtschaftliche Nutzungsfläche für die ständig wachsende Menschheit
übrig.

Millionen
Menschen fliehen vor Naturkatastrophen
Artikel
veröffentlicht am: 11.10.2005, Greenpeace.
Jedes Jahr verlassen Millionen von Menschen
ihre Heimat. Sie
flüchten vor Krieg, Unterdrückung und Gewalt - und immer häufiger vor
Naturkatastrophen. Die Zahl der so genannten Umweltflüchtlinge ist in
den letzten Jahren stetig gestiegen. Heute fliehen bereits mehr
Menschen vor
Umweltkatastrophen als vor Kriegen. Im Jahr 2010 sollen es nach einer
neuen UN-Studie
weltweit mehr als 50 Millionen Umweltflüchtlinge sein.
Wissenschaftler
der Universität der Vereinten Nationen in Bonn nennen in
ihrer Studie verschiedene Gründe für die drastisch steigenden
Flüchtlingszahlen. Besonders in ärmeren ländlichen Gebieten führen
Austrocknung
und zunehmende Unfruchtbarkeit des Bodens durch falsche Bebauung in
Verbindung
mit klimatischen Veränderungen und steigenden Bevölkerungszahlen zur
Flucht,
erklärt Janos Bogardi, Direktor des Instituts für Umwelt und
menschliche
Sicherheit der UN-Universität. Aber auch Erdbeben, Abholzungen und
Überschwemmungen,
ausgelöst durch Wirbelstürme wie zuletzt Stan, Katrina und Rita,
vertreiben
immer mehr Menschen aus ihrer Heimat.
Die
Studie bezieht sich unter anderem auf den Weltkatastrophenbericht
des Roten Kreuzes aus dem Jahr 1999. Dieser prognostizierte ein
Jahrzehnt
schwerster Katastrophen, verursacht durch eine explosive Kombination
menschlich-mitverursachten Klimawandels mit sich rapide verändernden
sozio-ökonomischen Bedingungen. Die Vereinten Nationen schätzen, daß
bis zum
Jahr 2025 80 Prozent aller Menschen in so genannten Entwicklungsländern
leben
werden, mehr als die Hälfte von ihnen ständig bedroht von
Überschwemmungen und
schweren Stürmen.

(United Nations
University, 28.06.2007 - NPO)
Immer mehr Menschen verlieren ihre
Lebensgrundlage durch die
zunehmende Trockenheit und die Ausbreitung der Wüsten. Die
Desertifikation
könnte noch innerhalb dieser Generation zu Massenfluchten aus den
Dürregebieten
führen, so die Einschätzung einer neuen Studie von Wissenschaftlern der
Vereinten Nationen.
In der am 28 Juni 2007 im Hauptquartier
der UNO in New York
vorgestellten Studie warnen die Wissenschaftler vor der Bedrohung der
internationalen Stabilität durch den Verlust der Bodenfruchtbarkeit und
der
Degradation der natürlichen Lebensgrundlagen.
Sie schlagen zudem eine mehrgliedrige
Strategie auf allen
Regierungsebene vor. „Es ist zwingend, dass effektive Politik und
nachhaltige
Praxis dazu eingesetzt werden, den Niedergang der Trockengebiete
aufzuhalten“,
erklärt Hans van Ginkel, Rektor der UN Universität und
UN-Untergeneralsekretär. Zwei Milliarden Menschen und damit ein
Drittel der gesamten
Menschheit sind bereits jetzt potenzielle Opfer der Wüstenausdehnung,
so die
Studie. Ohne Gegenmaßnahmen werden schon in den nächsten zehn Jahren
mehr als
50 Millionen Menschen heimatlos und könnten zu Umweltflüchtlingen
werden. Die
Anzahl dieser Flüchtlinge überträfe die gesamte Bevölkerung von
Südafrika oder
Südkorea – und sie wären erst der Beginn.
Die Wissenschaftler, gestützt auf die
Daten von mehr als 200
Experten aus 25 Ländern, fordern die Regierungen dazu auf, eine
breitere,
übergeordnete Sicht der Problematik anzunehmen und vermehrt
koordinierte und
integrierte Maßnahmen zu ergreifen. Bisher seien allzu oft
Entscheidungen in
isolierten Bereichen und Ebenen getroffen worden, die sich gegenseitig
behinderten und kontraproduktiv seien. Gefragt sei jetzt eine
Strategie, die
sowohl den Kampf gegen die Wüstenbildung als auch gegen den Klimawandel
und die
Armut umfasst.
Mangelnde Koordination der Maßnahmen
„Einige Kräfte der
Globalisierung streben die Reduktion der ökonomischen Ungleichheit an
und
wollen die Armut bekämpfen, tragen aber gleichzeitig dazu bei, die
Wüstenbildung zu verstärken, wie beispielsweise absurde
landwirtschaftliche
Subventionen“, erklärt van Ginkel. „Eine Reform der Maßnahmen gegen die
Desertifikation repräsentiert gleichzeitig auch eine Chance, weltweit
effektiver gegen den Klimawandel vorzugehen und beispielsweise mehr
atmosphärisches Kohlendioxid zu binden“, so Zafar Adeel, Hauptautor der
Studie.
Erster großer Massenexodus im Westen wegen Klimawandels"
Earth Policy Institute" sieht
"Katrina"-Evakuierte als die ersten Klimaflüchtlinge
Umweltkatastrophen infolge der Erderwärmung haben bereits zu
einem ersten Exodus von Klimaflüchtlingen geführt - und das ausgerechnet in den USA.
Die Flucht von hunderttausenden Menschen nach dem Hurrikan "Katrina"
sei die erste dokumentierte "Massenbewegung von Klimaflüchtlingen"
gewesen, so das "Earth Policy Institute". Eine Untersuchung habe
ergeben, dass sich mindestens 250.000 der Geflohenen inzwischen anderswo
angesiedelt haben und nicht an die Golfküste zurückkehren.
"Diese Menschen wollten sich nicht länger den persönlichen
Traumata und finanziellen Risiken in Zusammenhang mit dem ansteigenden
Meeresspiegel und immer verheerenderen Stürmen aussetzen", sagte
Institutsdirektor Lester Brown. "Diese Evakuierten sind nun als Klimaflüchtlinge
zu bezeichnen."
Bislang waren Umweltexperten davon ausgegangen, dass die ersten
Massenfluchten infolge der Klimaerwärmung wahrscheinlich die kleinen
Inselstaaten im Pazifik treffen würden, die nur wenige Meter über den
Meeresspiegel herausragen und bei einem Ansteigen der Meere verschwinden
könnten. Die Gefahr der Überflutung tief liegender Gebiete sei zwar existent,
sagte Brown; genauso Besorgnis erregend seien aber Wirbelstürme, die wegen der
Aufheizung der Weltmeere immer zerstörerischer werden. Angesichts des
"Katrina"-Exodus in den USA sagte Brown: "Es ist interessant,
dass nun ausgerechnet dasjenige Land die größte Hurrikan-Zerstörung erlitten
hat, das in erster Linie für die Erderwärmung verantwortlich ist."
Die Gefahr durch Wirbelstürme in den Küstenregionen werde eine
anhaltende Abwanderung auslösen: "Der steigende Meeresspiegel und die
mächtigeren Hurrikane führen zu höheren Versicherungskosten, und die Leute
werden ins Landesinnere gehen. So wie Konzerne in Regionen mit niedrigen Löhnen
abwandern, emigrieren die Leute in Regionen mit niedrigeren Versicherungskosten."
Das Earth Policy Institute definiert den Begriff
"Klimaflüchtling" in der Studie als Angehörigen einer größeren
Gruppe, die wegen vom Menschen verursachten Umweltveränderungen ihre Heimat
verlassen müssen. Darunter fallen nach Angaben der Experten auch Millionen
Menschen im Norden und Westen Chinas, die wegen der Versteppung der Böden
infolge von Überweidung ihre Dörfer verlassen mussten.  |
Fluchtziel
Süditalien
Von
Stefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio
Rom
Bis
zu 100.000 afrikanische
Flüchtlinge machen sich jährlich auf den Weg über das Mittelmeer nach
Europa.
In überladenen Booten versuchen sie nach Spanien oder Italien zu
gelangen.
Brennpunkt ist immer wieder die italienische Insel Lampedusa.
Im Sommer 2006 stand Italien vor einer neuen großen Flüchtlingswelle.
Innerhalb
von zehn Stunden kamen mehr als 500 Bootsflüchtlinge aus Afrika nach
Süditalien, viele von ihnen stammten aus Eritrea. Insgesamt sechs Boote
wurden
gesichtet, auf einem 15 Meter langen Kutter waren 218 Personen
zusammengepfercht - unter ihnen Frauen und Kinder. Sie wurden von der
italienischen Küstenwache in den Hafen der Insel Lampedusa vor Sizilien
geleitet. Das von der italienischen Hilfsorganisation Misericordia
betreute
Auffanglager dort platzte wieder einmal aus allen Nähten. 190 Menschen
haben dort
Platz - zwischenzeitlich hielten sich dort weit mehr als 600
Flüchtlinge auf.
Schiffbrüchige
abgewiesen
Auch
in Porto Empedocle auf Sizilien und in
Pozallo kamen wieder diverse Boote an, allein in der letzten Woche
haben 700
Menschen versucht, auf diese Weise die Außengrenzen der EU zu
überwinden. Die
neue Flüchtlingswelle dürfte die Debatte über illegale Einwanderung in
Italien
wieder anheizen. Probleme gibt es auch vor der Insel Malta. Der Fall
dort
erinnert an die deutsche Cap Anamur. Die maltesischen Behörden weigern
sich
nämlich, 51 Schiffbrüchige aufzunehmen, die ein spanischer Fischkutter
nahe der
Insel aus Seenot gerettet hat. Das Schiff ankert zur Zeit 16 Meilen vor
Malta.
Inzwischen hat sich sogar das spanische Aussenministerium
eingeschaltet. Die
Spanier befürchten, dass Schiffe künftig keine Menschen mehr aus Seenot
retten,
wenn diese nicht im nächsten Hafen an Land dürfen.

Neuer
Ansturm auf Kanaren - Tumulte in Lager auf Malta
Stand:
27.06.2006 (Grafik:
Flüchtlinge auf einem Boot der
spanischen Küstenwache)
Die Kanarischen Inseln erleben derzeit einen neuen Ansturm
afrikanischer Bootsflüchtlinge.
Binnen 24 Stunden seien mehr als 250 illegale Zuwanderer vor Gran
Canaria,
Teneriffa und Fuerteventura aufgegriffen worden, teilten die Behörden
mit.
Insgesamt habe die Küstenwache acht Boote aufgebracht. Die Menschen an
Bord
seien zwar erschöpft aber ansonsten wohlauf gewesen, hieß es. Seit
Januar sind
über 11.000 afrikanische Armutsflüchtlinge auf die Kanarischen Inseln
gelangt,
mehr als doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr.
Tumulte
in Flüchtlingslager auf Malta
Auf
Malta kam es in einem Lager für
Flüchtlinge zu schweren Tumulten. Die Einwanderer hätten die
Sicherheitskräfte
in dem Lager nahe der Hauptstadt Valletta mit Metallstangen und Steinen
angegriffen und ihre Freilassung verlangt, berichteten die Behörden.
Etwa 500
Insassen sei es gelungen die Wachsoldaten zu überwältigen und aus dem
Lager zu
fliehen. In dem Lager, einer ehemaligen Kaserne, befänden sich
insgesamt etwa
800 Menschen teils seit 18 Monaten. Allein in der vergangenen Woche
seien
weitere 130 Flüchtlinge auf der Mittelmeerinsel südlich von Italien
gelandet,
die mit Booten meist an der nordafrikanischen Küste gestartet waren.
Abschottung
zwingt Flüchtlinge auf
gefährliche Routen
Politik | 22.03.2006
Mit jedem neuen Flüchtlingsstrom
aus Afrika
gerät die EU unter Druck. Schnell gewährt man Hilfe zur Eindämmung des
Problems. Das Geld fließt dabei nach wie vor hauptsächlich in
Polizeimaßnahmen
und Grenzsicherung. Nach dem Strom von
afrikanischen Flüchtlingen aus Mauretanien auf die Kanarischen Inseln
steht das
Thema Illegale Einwanderung wieder einmal ganz oben auf der Agenda der
EU. Die
EU-Innenminister wollen bei ihrem Treffen in Heiligendamm an der Ostsee
ab
Mittwoch darüber beraten, auf Bitten der spanischen Regierung soll das
Thema
auch beim Frühjahrsgipfel der EU-Staats- und Regierungschefs Ende der
Woche
besprochen werden.
Eine Lösung für das tägliche
Drama vor den Toren
Europas ist bei den Treffen nicht zu erwarten. "Die EU hat keine
Antwort,
wie das Sterben an den Außengrenzen eingedämmt werden kann. Stattdessen
hat die
strenge Überwachung der Grenzen dazu geführt, dass die Menschen immer
längere
und gefährlichere Routen wählen und somit auch mehr Todesopfer zu
beklagen
sind", sagt Karl Kopp von Proasyl.
Route wandert gen Süden
Über viele Jahre versuchten
die Einwanderer in kleinen Booten über die Meerenge von Gibraltar nach
Spanien
zu kommen. Diesen Weg nutzen nun nur noch wenige, nachdem die spanische
Grenzpolizei mit EU-Geldern das High-Tech-Überwachungssystem SIVE
installierte:
An strategisch wichtigen Stellen der Südküste stehen nun
Nachtsichtkameras und
Radargeräte, die bis zu 20 Kilometer ins Meer sogar einen schwimmenden
Fußball
orten können. In dieses System wollen Spanien und die EU in den
nächsten vier
Jahren weitere 130 Millionen Euro investieren.
Statt über die Meerenge
versuchte dann der große Teil der
Flüchtlinge sein Glück über die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla.
Mehrere
Afrikaner starben bei dem Versuch, den Stacheldraht-Zaun zu überqueren,
die
Bilder sind noch in Erinnerung. Die Grenzanlagen sind inzwischen weiter
verstärkt worden, der Zaun ist jetzt an allen Stellen sechs Meter hoch,
bis ins
Meer hinein soll eine Barriere gebaut werden. Jetzt ist in den
Exklaven
die Lage ruhig.
  
Die Hauptroute geht seit
Anfang des Jahres von Mauretanien über das offene Meer auf die
Kanarischen
Inseln. Insgesamt 3500 Afrikaner sind dort mit ihren Booten gelandet.
Viele
schafften es aber nicht. Nach Angaben der spanischen Polizei ertranken
allein
im November und Dezember zwischen 1200 und 1700 Afrikaner, die
Dunkelziffer liegt weit darüber.
EU-Parlamentarier: Weniger
Geld in die Repression
Die Reaktion der EU auf
dieses Drama laufe ab wie ein Ritual, sagt Kopp. "Alle sind geschockt
über
die an den Touristenstränden angeschwemmten Leichen. Delegationen
werden dann
nach Mauretanien geschickt. Es wird davon gesprochen, den Grenzschutz
zu
stärken. Aufnahmekapazitäten sollen geschaffen werden." Die spanische
Regierung schickte Patrouillenboote, stellte 7,5 Millionen Euro für
Notversorgung,
spanische Ingenieure sollen nun ein Aufnahmelager errichten.
EU-Parlamentarier
wie Wolfgang Kreissl-Dörfler von der sozialdemokratischen Fraktion im
Europäischen Parlament (PSE) kritisieren, dass die EU noch zu viel Geld
für
Polizeimaßnahmen und Grenzsicherung ausgibt. "Im Moment ist man zu
stark
auf die repressiven Maßnahmen fixiert", sagt Kreissl-Dörfler. Die EU
müsse
sich endlich zu einer gemeinsamen Flüchtlings- und Migrationspolitik
durchringen. "Solange die Lebensbedingungen in den Herkunftsländern der
Einwanderer nicht verbessert werden, wird der Flüchtlingsstrom nicht
abebben", sagt der Parlamentarier. Und Ewa Klamt von der
christdemokratischen
Fraktion (EVP-ED) meint: "Wir investieren noch zu wenig in die Hilfe
vor
Ort. Wir sollten bedenken: Jeder Flüchtling, der bei uns ankommt,
kostet weit
mehr Geld, als das, was wir dort in die Herkunftsländer investieren
würden.
"
Wohin fließt das Geld?
Allerdings stimmen beide
Parlamentarier darin überein, Transitländer wie Marokko oder Libyen
finanziell
weiter zu unterstützen. Es müsse jedoch die Verwendung des Geldes
nachvollziehbar
sein. Das Geld dürfe nicht versickern. "Einwanderung ist inzwischen ein
Riesengeschäft. Und es ist ja ein offenes Geheimnis, dass auch hohe
Militärs in
das Schlepperwesen verwickelt sind", sagt Kreissl-Dörfler,
der wie Klamt
Ceuta und Melilla im Dezember besuchte. Kreissl-Dörfler muss aber
einräumen,
dass eine Kontrolle über die Verwendung der Gelder schwierig ist. "Hier
ist es auch Aufgabe der Kommission genauer hinzusehen".
Vor allem müsse die EU
darauf drängen, dass mit den Einwanderern menschenwürdig umgegangen
wird, so
der Parlamentarier. Das ist derzeit aber noch weitgehend eine
Wunschvorstellung.
Das zeigt das Beispiel Marokko: Jose Palazón von der Organisation
Prodein kümmert
sich seit Jahren um Einwanderer in Melilla. Er berichtet, dass
marokkanische
Sicherheitsbehörden nach wie vor gewaltsam gegen Afrikaner vorgehen,
die sich
in den Wäldern um Melilla aufhalten. "Sie haben der einheimischen
Bevölkerung verboten, den Einwanderern zu essen und zu trinken zu
geben",
sagt Palazón. "Für die Betreuung der Einwanderer verwendet Marokko doch
nicht einen Cent."
Nach dem Anstrum auf die
Exklaven in Ceuta und Melilla hatte die EU Marokko 40 Millionen in
Aussicht
gestellt, vor allem für Polizeimaßnahmen und Grenzsicherung. Laut Klamt
ist
dieses Geld kurioserweise noch nicht abgerufen worden. Offenbar waren
die
Bedingungen noch nicht geklärt, unter denen das Geld ausbezahlt werden
soll.
"Es ist wichtig, mit Marokko vernünftig zu verhandeln. Wenn wir mit
Marokko einen guten Weg finden, wie wir Hilfe leisten können, dann
besteht die
Hoffnung, dass auch weitere Länder wie Algerien diesem Beispiel folgen
würden", sagt Klamt.
Steffen
Leidel
Verzweiflung
findet immer ein Schlupfloch
12.6.2006 Von Birgit Virnich, ARD-Studio
Nairobi,
und Edith Lange, ARD-Studio Madrid
Noch nie
zuvor
kamen so viele afrikanische Flüchtlinge auf die Kanarischen Inseln wie
in
diesem Jahr. Trotz der Kontrollen der Küstenwachen wagen sich Tausende
auf
kleinen Nussschalen über den Atlantik. Das Meer ist das Tor nach
Europa. Die
Odyssee beginnt für viele Flüchtlinge in der mauretanischen Hafenstadt
Nouadhibou.
Nouadhibou, im Norden Mauretaniens, war früher ein verschlafenes Nest
am Rande
der Wüste. Seit Monaten ist der Ort Schlupfloch tausender verzweifelter
Afrikaner, die hier auf die nächste Überfahrt zu den Kanaren warten. Im
Hafen
von Nouadhibou arbeiten und beten sie für eine bessere Zukunft. Für
viele der
Männer liegt die in Europa. Um ins vermeintliche Paradies zu gelangen,
nehmen
sie halsbrecherische Überfahrten auf rauer See in Kauf.
Mahmoud, ein Hafenarbeiter,
zeigt uns, wo
sie nachts immer wieder in vollgepferchten Holzbooten aufbrechen. Das
hat er
beobachtet. Er selbst hätte zuviel Angst vor so einer Höllenfahrt.
"Jede
Nacht brechen hier bis zu fünf Fischerboote auf mit etwa 40 Personen",
erzählt er. "Sie zwängen sich schweigend in die Holzpirogen." Hier
sei der ideale Ort, weil die Polizei nicht oft hinkommt. Seit Mauretanien zum Sprungbrett
geworden ist, sind hier tausende Auswanderer
aus Mali, Burkina Faso und vor allem aus dem Senegal untergetaucht. Der
Senegalese
Amadou versucht nun schon seit sechs Monaten als Hafenarbeiter das Geld
für die
Überfahrt zusammenzukratzen. "700 Euro muss ich etwa zusammen kriegen,
je
nachdem, mit wem ich fahre", sagt er. "Aber ich will unbedingt in
Spanien arbeiten. Hier hält mich nichts", erklärt er resigniert.
Sein Kollege Fatou meint: "Es gibt es
keine Perspektive für uns - außer Armut. Da sparen wir uns
das Geld doch lieber
vom Munde ab. Und vielleicht können wir in Spanien neu
anfangen. Wie die meisten Flüchtlinge, sind die beiden
Senegalesen zu allem entschlossen. Auch wenn die Überfahrten immer
gefährlicher
werden. Verzweiflung findet
immer ein Schlupfloch - und mit ein bisschen Glück
sogar ein Flugzeug nach Madrid.
[Afrikanische Flüchtlinge in
einem Hafengebäude auf Gran Canaria]
Am Ziel der Träume
Augustin ist seit drei Tagen da.
Die
spanische Regierung hat ihn von Teneriffa nach Madrid geflogen. Auf den
Kanarischen Inseln sind die Flüchtlingslager viel zu voll. Noch vor
drei Wochen
saß Augustin in einem Boot auf dem Atlantik und wusste nicht, ob er
seinen
Traum Europa jemals erblicken würde. So, wie sein Freund Aliuo aus dem
Senegal.
Jetzt stehen sie mitten in der spanischen Metropole und freuen sich.
"Ich
habe bereits ein bisschen Spanisch gelernt, als ich im Senegal auf dem
Gymnasium war", sagt Augustin. "Ich glaube, ich brauche weniger als
ein Jahr, um wirklich korrekt Spanisch zu sprechen."
Madrid ist laut und
überwältigend - und die
beiden Männer sind voller Hoffnung. Hier beginnt ein neues Leben, auch
wenn sie
noch nicht wissen, wie es weiter geht. Für die Fußballzeitung reichen
die
Spanischkenntnisse allemal und das ist zurzeit ja fast das
Allerwichtigste.
Beim Roten Kreuz erhalten die
Flüchtlinge
fast alles, was sie brauchen. Andrés Ntibaarusiga ist der Koordinator
der
Hilfsorganisation für die Neuankömmlinge. Den ganzen Tag versuchen sie
dort am
Telefon Kontakt herzustellen zu Afrikanern, die bereits in Spanien
leben, um
Unterkunft und Arbeit für die Neuen zu finden. Augustin erzählt, dass
er im
Senegal schon drei Jahre Geografie studiert hat, aber hier will er jede
Arbeit
annehmen.
Illegal - aber in
Spanien "Die Spanier sind unglaublich
freundlich", sagen die beiden Flüchtlinge. Das Leben hier finden sie
einmalig. Ein bisschen eingeschüchtert sind Augustin und Aliou, aber
auch ein
bisschen glücklich. "Im Moment ist es für mich das Wichtigste, das Rote
Kreuz zu verlassen, und hier Kontakt zu finden, zu Landsleuten, die
mich aufnehmen",
sagt Augustin.
"Ständig die Polizei
am Hals"
Mehrmals
täglich rücken bei Nouadhibou die Schnellboote der mauretanischen
Küstenwache aus. Mit Argusaugen kontrollieren die Beamten die 3000
Fischerboote
rund um den Hafen von Nouadhibou. Die Überwachung der 700 Kilometer
langen
Küste Mauretaniens überfordert die Männer zwar, doch die Gewässer rund
um die
Hafenstadt haben sie im Griff.
Die Fischer ärgern sich über die
vielen
Kontrollen. Der Fischfang läuft ohnehin nicht so gut. Die großen
internationalen Flotten fischen die Küsten-Gewässer leer. Mit ihren
kleinen
Holzbooten müssen sie immer weiter raus aufs Meer. "Die Kontrollen
werden
immer schärfer. Ständig haben wir die Polizei am Hals", sagt der
Fischer
Ba Adama. "Ich verstehe nicht, warum die Flüchtlinge solche Risiken auf
sich nehmen. Das ist doch Selbstmord, hier bei Nacht und Nebel
abzulegen."
Gefährliche Geschäfte  Die Schlepper müssen in diesen
Tagen harte
Überzeugungsarbeit leisten, um Kapitäne für die Überfahrten zu finden.
Die
meisten Fischer wollen nicht so recht. Zu gefährlich ist das Geschäft
mit den
illegalen Auswanderern. Fast täglich gehen der mauretanischen
Küstenwache neue
Fischerboote mit hunderten von Flüchtlingen ins Netz. Sie alle träumen
vom
gelobten Land Europa und einem Job im Büro.
Auch wenn
sich Europa abschottet - irgendwo entlang der menschenleeren Küste
Mauretaniens,
werden schon bald die nächsten Boote in See stechen, erklärt uns der
Schlepper
Doulendou. "Das Meer ist voller Gefahren. Viele sterben in der starken
Strömung. Aber wir akzeptieren das. Das ist die Realität." Das Meer ist
das Tor nach Europa.
Kanarischen Inseln
Ralf
Streck 24.03.2006
Die
Abschottung Europas
führt dazu, dass Flüchtlinge und Einwanderer immer gefährlichere Routen
nehmen
Tausende Schwarzafrikaner haben in den letzten
Monaten auf
dem Weg von Mauretanien zu den spanischen Kanarischen Inseln ihr Leben
verloren. Die spanische Regierung musste nun einräumen, Berichte über
das
"Massensterben" schon letztes Jahr erhalten zu haben. Nun baut
Spanien in Mauretanien Lager für die auf, die im Schnellverfahren
abgeschoben
werden.
Im
vergangenen Herbst versuchten
Hunderte Einwanderer und Flüchtlinge aus Afrika immer wieder die
Grenzzäune zu
den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla im Sturm zu nehmen. Dabei
wurden von spanischen und/oder marokkanischen
Sicherheitskräften etliche Menschen getötet. Zum Teil wurde sogar
scharf auf die unbewaffneten Menschen
geschossen. Die Hintergründe sind bisher nicht wirklich aufgeklärt,
aber die
Lage hat sich aufgrund des Verfolgungsdrucks um die Exklaven derart
beruhigt,
dass das aufgezogene spanische Militär wieder abgezogen wurde.
Die
Einwanderung nach Spanien
wurde dadurch aber ebenso wenig beendet wie mit der Abschottung der
Küste um
die Meerenge von Gibraltar zuvor. Zunächst wurde dort der elektronische
Schutzwall (Sive) aufgebaut, der danach auf die gesamte Südküste
ausgeweitet
wurde. Genau das hatte dazu geführt, dass viele den Weg über
die von Marokko umschlossenen spanischen Exklaven suchten. Marokko
schob,
finanziert von Spanien und der EU, zahlreiche Schwarzafrikaner in
Richtung
Algerien und Mauretanien ab und setzte sie zum Teil schlicht ohne
Wasser und
Nahrung in der Wüste ab.
Einige
versuchten dann ihr
Glück in der von Marokko besetzten Westsahara, denn diese liegt nur
knapp 100 Kilometer
gegenüber der Kanarischen Inseln. Aber die Westsahara ist kein sicheres
Pflaster. Seit dem Ausbruch der so genannten "Intifada" hat Marokko
das Gebiet.
Die Zahl der Polizei- und Militäreinheiten wurde vor den Feiern zum 30.
Jahrestag der Ausrufung der Demokratischen Arabischen Republik Sahara
(DARS) im
Februar noch weiter verstärkt, um Proteste der Saharaouis gegen die
Besatzung
schon im Keim zu ersticken.
Angesichts
der geographischen
Verhältnisse war es klar, dass die Flüchtlinge und Einwanderer nach
Mauretanien
ausweichen. Mit kleinen Fischerbooten, "Cayucos" genannt, versuchen
sie seit November letzten Jahres verstärkt die knapp 1.000 Kilometer
über das
Meer von Mauretanien zu den Kanarischen Inseln zurückzulegen. Das
Ergebnis ist
fatal. Inzwischen streitet auch die spanische Regierung nicht mehr ab,
dass es
dabei Tausende Tote gegeben hat.
"Eine
stille Katastrophe, von
der wir nur die Spitze des Eisbergs sehen"
Zuvor
hatte sie versucht das
Problem klein zu reden. Dabei hatte die spanische Guardia Civil schon
im
Dezember einen Bericht mit dem aussagekräftigen Titel:
"Massives Sterben von Einwandern". Der Autor war der
Vize-Einsatzdirektor
der Militäreinheit, José Manuel García Varela: In den letzten
45 Tagen haben sich zwischen
2.000 und 2.500 Menschen in Paddelboote eingeschifft, um auf die Inseln
zu
kommen, von denen nur 800 oder 900 angekommen sind, was bedeutet, dass
zwischen
1.200 und 1.700 im Atlantik ertrunken sind.
Die
sozialistische Regierung
hatte zuerst behauptet, den Bericht nie erhalten zu haben, um die
Untätigkeit
vor der "humanitären Katastrophe" zu erklären, wie das Internationale
Rote Kreuz die Situation bezeichnet. Deren Präsident Juan Manuel Suárez
del
Toro:
"Es ist eine stille Katastrophe, von der wir nur die Spitze des
Eisbergs
sehen."
Am
Dienstag musste
Verteidigungsminister José Bono, dass
die Regierung die Informationen sogar schon vor der Guardia Civil
hatte. Sie
stammten vom Geheimdienst (CNI), der die Regierung routinemäßig
informierte.
Gehandelt wurde in Madrid aber erst, als kürzlich 45 Tote vor den
Kanaren
geborgen wurden und täglich eine größere Zahl "Boat People" auf den
Urlauberinseln ankamen. Dort fühlte man sich in der Ruhe derart
gestört,
weshalb die konservative Regionalregierung sogar von einem
"nationalen
Notstand" sprach.
Wie
viele Menschen auf dem 1000
Kilometer langen Weg ihr Leben verlieren und verloren haben, darüber
kann nur
spekuliert werden. Der Rote Halbmond in Mauretanien schätzt, dass täglich 700-800
Menschen das Meer zu überschreiten versuchen. Seit Beginn
des Jahres sind aber
nur knapp über 3.500 Flüchtlinge tatsächlich angekommen. Sollten die
Schätzungen zutreffen, kann man sich das Ausmaß der Katastrophe
ausmalen.
Lager
in Afrika, um die Flüchtlinge
abschieben zu können
Seither
wird in Madrid hektisch
gearbeitet. Letzte Woche wurde eine Regierungsdelegation nach
Mauretanien
geschickt, um dem Land finanzielle und praktische Hilfe anzubieten. Das
Ziel
ist, die Einwanderer und Flüchtlinge im Vorfeld abzufangen, weshalb
Mauretanien
auch Patrouillenboote erhält. Am Dienstag hat das
Verteidigungsministerium 35
Militäringenieure nach Mauretanien geschickt, die nun ein Lager in
Nuadibú
aufbauen. Spanien nutzt die Situation nun, um weitere Schritte in
Richtung der EU-Lager in Afrika
voranzutreiben.
In
dem ersten Lager sollen
zunächst Schwarzafrikaner aus Mali und Senegal interniert werden, die
man per
Schnellabschiebung von den Kanaren deportieren will. Gesprochen wird
von 170
Menschen. Menschrechtsorganisationen wie Amnesty
International und die Flüchtlingskommission CEAR halten
diese Abschiebungen für illegal, weil sie gegen die spanische
Verfassung
verstießen. Sie gewähre Flüchtlinge ein Recht auf Asyl, aber bei
solchen
Abschiebungen hätten sie keine Chance, einen Antrag zu stellen, von
einer
Einzelfallprüfung gar nicht zu sprechen. CEAR fordert auch
Aufklärung über den rechtlichen Status der "Aufnahmezentren" die
Spanien in Mauretanien errichten will.
Das
Spanien mit einem Land
kooperiert, in dem es bis heute Sklavenhandel
gibt - offiziell wurde die Sklaverei erst 1980 abgeschafft -, spricht
für sich.
Interessant ist, dass die Lager ausgerechnet humanitär begründet
werden. Die
Abgeschobenen sollen in Mauretanien würdige Bedingungen erhalten, damit
sie
nicht schlicht in der Wüste abgesetzt werden, heißt es.
Allerdings hatte sich Madrid hinter Rabat gestellt, als
Menschenrechtsorganisationen diese Praxis
angriffen, für die es mit der Organisation "Ärzte ohne Grenzen"
Zeugen gab. Auch die Befreiungsfront für die Westsahara (Polisario)
fand im
verminten Gelände hinter der so genannten Sicherheitsmauer immer wieder
von
Marokko ausgesetzte Gruppen vor. Die Praxis hat Marokko nicht beendet.
Erst
letzte Woche hat Rabat erneut 81 Senegalesen im verminten Niemandsland
ausgesetzt. Mauretanien hat sich geweigert,
sie aufzunehmen.
Letztlich
ist die Abschottungspolitik für die humane Katastrophe verantwortlich.
Die
Verantwortliche für Einwanderung der spanischen Regierung hat
eingeräumt, dass
die Einwanderer und Flüchtlinge nur die Routen gewechselt haben. Wieder
einmal kündigt
Consuelo Rumí neue Schritte an. Die Zusammenarbeit mit den
Transitländern und
die Kontrolle durch die Polizei soll erhöht werden. Doch angesichts
ihrer Lage,
halten Flüchtlinge und Einwanderer daran fest, dass es immer einen Weg
nach
Europa gibt (Es werden immer
mehr Menschen kommen). Nur wenn sich die Lebensbedingungen dort ändern,
wird sich an dem Phänomen etwas ändern. Die Abschottung führt nur zu
immer
gefährlicheren Routen und immer mehr Opfern und wird die Lage weiter
zuspitzen.
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